Wehrsteuerung
an der Mosel
In den 60-iger Jahren wurde auf Initiative
Frankreichs, Deutschlands und Luxemburgs die Mosel zu einem schiffbaren
Fluss umgestaltet. Dazu wurden zwölf Staustufen bestehend aus Wehr und
Kraftwerk errichtet.
Die Wehre setzen sich dabei aus drei Sektoren
zusammen, die jeweils 40 m breit und 8 m hoch sind. Diese Sektoren
werden mittels Wasserkraft gehoben und gesenkt, zählen demnach zu den
hydraulisch betriebenen Verschlusskörpern.
Seit 1998 wird im Rahmen einer Erneuerung der
elektrotechnischen und hydraulischen Anlagen auch eine vollkommen neue
Automatisierung dieser Wehre realisiert. Die große Herausforderung
bestand darin, hochkomplexe Regel-Algorithmen zur Oberwasserregelung
eines Mittelgebirgsflusses auf bewährter SPS Technik umzusetzen und im
Ganzen ein System zu schaffen, welches sich durch eine hohe
Laufsicherheit, Robustheit und Verfügbarkeit auszeichnet.
Die von uns realisierte Automatisierungs-lösung
besteht dabei aus den Komponenten:
- Leitsystem,
- überlagerter
Oberwasser-Abfluss-Regler (OW/Q-Regler),
- unterlagerte
Sektorlage-Regler,
wobei alle Systeme redundant ausgelegt sind (Abb.
1).
Leitsystem
Eine zentrale Rolle in der dargestellten Lösung
kommt dem Leitsystem, als Schnittstelle des Bedieners zur Anlage, zu. Es
muss sich durch eine hohe Laufsicherheit, hohe Leistungsfähigkeit, hohe
Skalierbarkeit, einfaches Handling und eine Unterstützung des
geforderten Redundanzkonzeptes auszeichnen.

(Abb.1:
Elemente der Automatisierungslösung -Wehr Mosel-)
Eine Bedienung des Wehres wird durch ein Konzept von
Anlagensichten ermöglicht, die sich von einer Gesamtansicht bis zu
Detaildarstellungen einzelner Anlagenteile erstreckt. Der Bediener hat
so die Möglichkeit seine Anlage ‚AUF EINEN BLICK’ zu analysieren
und bei Bedarf tiefer ins System einzusteigen (Abb.
2, Abb. 3)

(Abb.
2: Anlagenansicht Gesamt -Wehr Mosel-)
Alle Alarme, Warnungen und Meldungen werden
registriert, zur Anzeige gebracht und archiviert. Wobei die Archivierung
in Dateien und auf einem Störmeldedrucker vorgenommen wird. Dazu
existieren zwei Alarmarchive. Ein Archiv mit aktuell anstehenden Alarmen
und ein Archiv mit historischen Alarmen. So hat der Benutzer einen
schnellen Überblick über den aktuellen Zustand der Anlage bzw. kann im
Fehlerfall, durch die Nutzung der Alarmhistorie, Fehler detailliert
nachvollziehen und beseitigen.
Um bestimmte qualitative Einschätzungen über die
Regelgüte des OW/Q - Reglers bzw. der Sektorlageregler vornehmen zu
können, zeichnet das System Daten in Form von Trends auf.
Diese Trends werden in einem Zeitraum von zwei
Jahren gespeichert. Das eingesetzte SCADA System zeichnet sich durch
ein ausgeklügeltes Trendsystem aus, welches einen Ressourcenengpass
schon im Vorfeld erkennt und so einen schleichenden Ausfall des
Trendsystems vorbeugt. Die aufgezeichneten Trenddaten können in
Diagrammen detailliert ausgewertet, zur Weiterverarbeitung in Excel
portiert oder direkt auf einem Drucker ausgedruckt werden.
Um Fehlbedienungen zu verhindern bzw. bestimmte
Bereiche der Anlage nur fachkundigem Personal (Servicepersonal etc.)
zugänglich zu machen, wurde ein mehrstufiges Benutzermanagement
umgesetzt. D.h., bestimmte Bereiche sind nur nach vorheriger Anmeldung
mit Benutzerna(h)me und Passwort zugänglich. So ein Bereich ist z.B. die
Parametrierung des Systems. Nach einer bestimmten Zeit der Inaktivität
meldet das System den höher priorisierten Benutzer wieder ab.
Das Leitsystem besteht aus zwei gleichartigen
Industrie-PC, wobei ein PC als Hauptstation agiert und ein zweiter als
Nebenstation.

(Abb.
3: Anlagenansicht Sektor -Wehr Mosel-)
Die Hauptstation wird vom Bedienpersonal als
eigentliche Bedienstation des Wehres genutzt. Die Nebenstation dient dem
Servicepersonal als Analysegerät. Bei Ausfall der Hauptstation kann die
Nebenstation als Hauptstation gestartet werden. Dieses Umschalten wird
vom System so durchgeführt, dass keine Alarm- bzw. Trendinformationen
verloren gehen.
Auch das Umschalten von einem OW/Q-Regler (SPS) auf
den zweiten Redundanten wird vom System automatisch vorgenommen. Der
Ausfall wird erkannt, automatisch auf das Zweitsystem umgeschaltet und
dieses bei Bedarf mit aktuellen Parametern versorgt. Der Bediener wird
über diesen Vorgang nur informiert und hat keinerlei Schalthandlungen
vorzunehmen.
Alle beteiligten Automatisierungsgeräte werden
zentral vom Leitsystem mit einer Uhrzeit versorgt, die über eine DCF77
Funkuhr eingelesen wird. Dadurch sind alle Systeme zeitsynchronisiert
und eine manuelle Umschaltung der im System vorhandenen SPS, z.B. bei
Wechsel auf Sommerzeit, ist nicht notwendig. Durch diesen Mechanismus
sind alle Meldungen im Gesamtsystem zeitsynchron.
OW/Q-Regler
Der OW/Q-Regler hat im vorgestellten Konzept, neben
seiner Hauptaufgabe, der Regelung des Stauziels, die automatische
Vorgabe eines abflussabhängigen Stauziels, die Aufgabe der Überwachung
von Oberwasser- u. Unterwasserpegel, die Aufgabe einer
zentralen Fehlerver- und bearbeitung, die Aufgabe
alle beteiligten Stationen und Automatisierungsgeräte zu überwachen, die
Energieversorgung (Ringsystem) zu überwachen und bei Fehlschaltung einen
geschlossenen Ring zu vermeiden.
An der Mosel wird ein neues innovatives Regelkonzept
umgesetzt, das eine exakte Einhaltung des Stauziels (Höhe
Oberwasserpegel) bei einer Vergleichmäßigung von Zuflussschwankungen in
die Mosel und somit in den Rhein im gesamten Abflussspektrum (von
Niedrigwasser bis Hochwasser) ermöglicht. Dieses Konzept wurde von der
Bundesanstalt für Wasserbau (BAW) erarbeitet und in diesem Projekt
fachspezifisch begleitet. In der ersten Ausbaustufe werden alle vor Ort
Regler erneuert und in der zweiten soll ein zentraler Koordinator die
Mosel verwalten und Hochwässer optimal (nach verschiedensten Kriterien)
ableiten.
Ein von der BAW in C++ erstellter Algorithmus wurde
auf eine SIMATIC SPS in STEP 7 implementiert. Dieser Algorithmus wurde
an einem Hochauflösenden Hydro-numerischen Model der Mosel getestet und
für jede Staustufe die optimalen Regelparameter bestimmt.
Zum Einsatz kommt ein modifizierter PI-Regler mit
Störgrößenaufschaltung (Abb. 4). Die Störgröße ist in diesem Fall
der Abfluss des jeweiligen Oberliegers, der zeitverzögert aufgeschaltet
wird.

(Abb. 4: Struktur OW/Q - Regelung)
Der PI-Regler beinhaltet unter Anderem eine Windup
Modifikation und einige Optimierungen bezüglich des Systemanlaufs aus
Randlagen.
Durch die Symbiose aus Fachwissen und
ingenieurtechnischem Know How ist eine optimale Lösung für die Mosel
entstanden. Das System arbeitet von Anfang an optimal und bedarf
keinerlei nachträglicher Optimierung der Regelparameter. Das Risiko von
Funktionsstörungen in Grenzsituationen, z.B. Hochwasser und
Niedrigwasser, wird so minimal gehalten.
Der Regler besteht aus folgenden Modulen:
Eine zentrale Rolle spielt auch die Überwachung von
Ober- und Unterwasserpegel. Dazu wurde eine zweistufige Wachfunktion
realisiert. Die erste Stufe erzeugt nach einer Schwellwertüber- bzw.
Unterschreitung für eine definierte Zeit einen Alarm. Die zweite
alarmiert unverzüglich.
Des Weiteren sind Mechanismen implementiert, die
zyklisch alle im System vorhandenen Automatisierungsgeräte auf Betrieb
und Kommunikation kontrollieren. Dazu werden Lebensbits zwischen den
einzelnen Stationen ausgetauscht.
Sektorlageregler
Wie Eingangs beschrieben, sind die Wehre an der
Mosel Sektorwehre, die mittels Wasserkraft gehoben und gesenkt werden
(hydraulisch betriebene Verschlusskörper). Den Sektorlagereglern kommt
nun die Aufgabe zu, diese Verschlusskörper in einer vorgegebenen Lage zu
halten, um eine konstante Sektorhöhe zu gewährleisten. Diese Regelung
setzt hohe Ansprüche an die zum Einsatz kommenden Algorithmen oder
Verfahren. Die Sektoren verhalten sich stark nichtlinear und
zeitvariant. Dieses Verhalten ist von vielen Faktoren abhängig, wie z.B.
Wasserauflast (Verhältnis von Oberwasser und Unterwasser), undichte
Stellen in den Seitenlippen (nach Oberwasser, nach Unterwasser),
unterschiedliche Reibung der Sektoren (Losreißen), Anströmung der
Sektoren bei Betrieb mit einem, zwei oder allen drei Sektoren etc..
Der Regler muss den Sektor in seiner Lage halten und
bei Änderung der Sektorstellung, diese so schnell als möglich mit
geringem Überschwingen anfahren. Er muss ein gutes Regel- und
Führungsverhalten aufweisen. Klassische Regelmechanismen, wie PI Regler
etc. führten zu keinem zufrieden stellenden Ergebnis. Zum Einsatz kommt
ein in unserem Haus entwickelter Algorithmus, der durch permanente
Messung der Sektorverfahrgeschwindigkeit in Abhängigkeit des zu
verfahrenden Weges die Stellglieder prädiktiv schließt, um ein gutes
Führungsverhalten zu realisieren und nach Anfahren der neuen Stellung
die Leckwasserverluste durch Öffnen der Stellglieder nach Ober- bzw.
Unterwasser ausgleicht bzw. ausregelt.
Kommunikation- u. Informationsstruktur
Um alle oben
genannten Funktionen zu realisieren, müssen alle beteiligten
Automatisierungsgeräte zu einem System zusammengeschaltet werden. Dazu
ist ein mehrstufiges Kommunikationsnetz aufgebaut worden (Abb. 5,
Abb. 6).

(Abb. 5: Kommunikationsstruktur -Wehr Mosel-)
Die erste Stufe, die Leitebene, ist über eine
Kommunikation, mittels INDUSTRIAL ETHERNET, an die OW/Q-Regler
gebunden. Der OW/Q-Regler kommuniziert über eine LWL-Ringstruktur,
mittels PROFIBUS FMS, mit den Sektorlagereglern und die Feldebene
wird über PROFIBUS DP angesteuert.

(Abb. 6: Anlagenansicht Kommunikation (Leitsystem))
Für den absoluten Notfall wurde noch eine
drahtgebundene Bedienung der Anlage, an allen Bussystemen vorbei,
implementiert. In diesem Fall ist die Anlage nicht mehr über das
Leitsystem steuerbar, sondern über eine separate Pultsteuerung, die auch
im Bedienraum installiert ist.
Fazit
Durch den Einsatz modernster Technologien ist es
gelungen, eine innovative Neugestaltung der Wehre an der Mosel zu
realisieren.
Die vorgestellte Lösung zeichnet sich durch ein
robustes Design aus, welche sich durch eine hohe Regelqualität
(Einhaltung Stauziel), Analysequalität (Beseitigung von Fehlern u.
Minimierung von Stillstand- u. Ausfallzeiten) und eine hohe
Verfügbarkeit (Redundanzkonzept) hervorhebt. Zusammenfassend ist es
gelungen den Nutzungsgrad der Wehrsteuerung wesentlich zu erhöhen. Die
fruchtbare Zusammenarbeit von Wissenschaft (BAW) und Ingenieurstechnik
hat entscheidend dazu beigetragen.